Kleiner Stock ganz groß: Mit einfachen Stöckern und der Hilfe von Frau Sonne können wir zuverlässig die Himmelsrichtungen bestimmen.
Wie bereits im Artikel über die Grundlagen der Kompassarbeit erwähnt, können wir die Haupthimmelsrichtungen auch mit improvisierten Mitteln bestimmen.
In dem dort beschriebenen Szenario wollten wir „nur“ geradeaus in Richtung Osten laufen. In einem solchen Fall reicht es oft aus, sich grob an der Sonne zu orientieren.
Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die drei populärsten Varianten stellen wir hier vor. Auch hierbei ist es sinnvoll, einige grundlegende Zusammenhänge zu kennen.
Grundlagen
Als Erstes beobachten wir den Sonnenlauf. Natürlich bewegt sich nicht die Sonne, sondern die Erde – aus unserer Perspektive wandert die Sonne jedoch mit etwa 15° pro Stunde über den Himmel.
Dieses Wissen ist entscheidend, um zu verstehen, wie ein Sonnenkompass funktioniert.
Sicherlich kennt jeder den Merkspruch:
„Im Osten geht die Sonne auf,
im Süden nimmt sie ihren Lauf,
im Westen wird sie untergehen,
im Norden ist sie nie zu sehen.“
Zur Orientierung merken wir uns außerdem:
• 6 Uhr → Osten
• 12 Uhr → Süden (Sonnenhöchststand)
• 18 Uhr → Westen
• 0 Uhr → Norden
Zusätzlich ist es wichtig zu beachten, ob Sommer- oder Winterzeit gilt. Die Sonne richtet sich nicht nach unserer Uhr – Winterzeit entspricht der realen Sonnenzeit.
Allein diese Korrektur verbessert unsere Peilung bereits um etwa 15°.
Variante 1 – Analoge Uhr
Mit einem analogen Ziffernblatt können wir sehr schnell eine grobe Himmelsrichtung bestimmen.
Diese Methode ist die schnellste, aber auch die ungenaueste der drei Varianten.
Wir halten die Uhr waagerecht vor uns und drehen sie so, dass der Stundenzeiger direkt auf die Sonne zeigt.
Die Winkelhalbierende zwischen Stundenzeiger und 12-Uhr-Markierung zeigt nach Süden.
In unserem Beispiel zeigt der Stundenzeiger auf 14 Uhr – Süden liegt also bei etwa „13 Uhr“.
Das Ergebnis ist grob und stark davon abhängig, wie exakt wir die Sonne anpeilen, reicht für eine einfache Orientierung jedoch völlig aus.

Variante 2: Sonnenkompass einfache Form
Dafür benötigen wir 3 möglichst gerade Stöcker.
Der Sonnenkompass funktioniert zwischen 6 Uhr morgens und 18 Uhr abends. Diese Variante dauert am längsten, ist dafür aber sehr zuverlässig.
Zunächst suchen wir eine möglichst ebene, freie Fläche. Sehr hohes Gras erschwert das Ablesen erheblich.
Dort platzieren wir einen möglichst geraden, senkrecht stehenden Stock. Das Ende des Schattens markieren wir mit einem kleinen Stock.
Nach mindestens 20 Minuten markieren wir die neue Position des Schattenendes erneut. Die Verbindung dieser beiden Punkte ergibt eine Ost-West-Achse, die für eine grobe Orientierung ausreicht.
Möchten wir eine möglichst exakte Ost-West-Linie bestimmen, ziehen wir mit einer Schnur einen Halbkreis mit konstantem Radius um den Stock. Die Schnittpunkte des Halbkreises mit dem Schattenverlauf markieren die exakte Ost-West-Achse.
Diese präzisere Methode funktioniert jedoch nur, wenn der Sonnenkompass über die Mittagszeit (12 Uhr) stehen bleibt.

Variante 3: Sonnenkompass komplexe Form
Diese Variante liegt zeitlich zwischen Variante 1 und 2. Sie ist sehr genau, erfordert jedoch etwas „Rechenarbeit“ und gerade Stöcke, dadurch ist sie potenziell fehleranfälliger.
Auch hier benötigen wir eine freie, ebene Fläche und einen senkrechten Stock. Voraussetzung ist, dass wir die Uhrzeit möglichst genau kennen.
Der Stock wirft einen Schatten. Von diesem ausgehend rechnen wir – je nachdem, ob es Vor- oder Nachmittag ist – pro Stunde 15° bis wir 12 Uhr (Mittag) erreichen. So lässt sich Süden bestimmen.
Da viele Menschen 15° nur schwer abschätzen können, nutzen wir einen einfachen Trick: Einen 90°-Winkel können wir sehr gut erkennen – dieser dient als Ausgangspunkt.

In unserem Beispiel ist es 10 Uhr.
Wir legen im 90°-Winkel zum Schatten Stock 1, halbieren den Winkel mit Stock 2 und teilen die verbleibenden 45° mit zwei weiteren Stöcken in drei Abschnitte à 15°.

Zwei Stunden bis Mittag entsprechen 30° – diese Richtung zeigt nach Süden.


Fazit:
Mit improvisierten Mitteln lassen sich die Himmelsrichtungen mithilfe der Sonne sehr zuverlässig bestimmen. Die Methoden unterscheiden sich jedoch deutlich im Zeitaufwand.
Präzise Peilungen außerhalb der Haupthimmelsrichtungen sind damit kaum möglich. Dennoch handelt es sich um wichtige Grundlagen, die zum einen das Verständnis für Karte und Kompass vertiefen und zum anderen ein wertvolles zusätzliches Werkzeug für die Orientierung im Gelände darstellen.
Wie Du Dich mit Karte und Kompass orientieren kannst, erkläre ich hier Schritt für Schritt.
Hinweis – Grenzen der Sonnenorientierung
Die Orientierung mit Sonne, Uhr oder improvisierten Sonnenkompassen ermöglicht eine Bestimmung der Haupthimmelsrichtungen, ersetzt jedoch keine exakte Navigation.
Bewölkung, dichter Wald, jahreszeitliche Abweichungen sowie ungenaue Zeitangaben können die Ergebnisse deutlich verfälschen.
Für präzise Richtungsangaben, längere Strecken oder schwieriges Gelände sind Karte und Kompass unverzichtbar. Die hier gezeigten Methoden dienen als Notlösung und Ergänzung, nicht als Ersatz.
Warum kann es trotz korrekt gebautem Sonnenkompass (Variante 2) zu Abweichungen kommen?
Das hängt mit der eigenen Position innerhalb der Zeitzone zusammen. Der sogenannte „wahre Mittag“ – also der Zeitpunkt des Sonnenhöchststands und damit der exakten Südrichtung – liegt nur in der geografischen Mitte einer Zeitzone genau um 12:00 Uhr.In Essen (NRW) liegt der wahre Mittag im Februar beispielsweise erst gegen 12:45 Uhr – fast eine Stunde später. Das entspricht auf dem Kompass einer Abweichung von rund 10–12°.
In Görlitz, also am östlichen Rand Deutschlands, fällt der wahre Mittag am selben Tag dagegen tatsächlich nahezu auf 12:00 Uhr.








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